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„AKTE DENKSTRUKTUREN“ – eine zeitgeschichtliche Doppellesung an der IGS Enkenbach-Alsenborn

     

Seit einigen Jahren findet an der IGS anlässlich des 9. Novembers die Gesprächsreihe „Zeitzeugen berichten“  statt. Dieses Jahr „besuchten“ uns  am 26.11.2021 gleich zwei Autoren: Stefanie Wally und Klaus Stenzel. 

Aufgrund der aktuellen Pandemie musste die Veranstaltung vor der Klasse 10 A und dem Geschichte-Leistungskurs 11 allerdings digital per Videokonferenz in der Aula stattfinden, was dem Erfolg aber keinen Abbruch tat.

Möglich wurde dieses Ereignis auch durch die finanzielle Unterstützung des Fördervereins der IGS, wofür ich mich recht herzlich bedanke!   

In seiner kurzen Begrüßungsrede betonte der einladende Geschichtslehrer Herr Palt die historische Bedeutung des 9. Novembers als „deutschen Schicksalstag“, an dem es mehrfach zu epochalen Wendepunkten kam. Die kommenden 90 Minuten standen dann ganz im Zeichen der deutschen Zeitgeschichte vor und nach 1989.

Stefanie Wally ist ein wahres Multitalent. So ist sie Gymnasiallehrerin, Kommunikations- und Körpersprachetrainerin, Autorin, Schauspielerin und Regisseurin. Ihr Buch „Akte Luftballon“ handelt davon, wie sie als 6jähriges Mädchen 1977 auf einem Dorffest in Dossenheim (Baden-Württemberg) einen kleinen gelben Luftballon auf die Reise schickte und um Antwort bat. Dieser Luftballon flog dann innerhalb von drei Tagen über 500 km Richtung Nordosten und landete auf einem Feld bei Dennschütz im Kreis Meißen (Bezirk Dresden, DDR). Der ältere Herr, der den Brief fand, hatte zufällig auch eine sechsjährige Enkelin und es begann ein reger Briefwechsel über Jahrzehnte. Frau Wally las und berichtete sehr anschaulich, wie sich eine tiefe und ungewöhnliche deutsch-deutsche Freundschaft entwickelte, die es geschafft hat, eine unmenschliche Grenze zu überwinden. So wechselten sich Lieder, Videosequenzen, Textpassagen aber auch alltägliche Überbleibsel der achtziger Jahre ab. Ein Walkman, der Zauberwürfel, eine alte „Bravo“ oder auch der Inhalt eines „Westpakets“ sorgten für ein Schmunzeln im Publikum. Nachdenklich wurde es hingegen, als Frau Wally schilderte, dass ihre ostdeutsche Freundin Anke Behrendt ihren Traumjob nur bekommen würde, wenn sie ihre Verbindung zur West-Freundin Stefanie abbricht. Anke Behrendt entschied sich gegen die Ausbildung und für die Brieffreundin „von drüben“!

Klaus Stenzel, Lehrer am Pfalz-Kolleg in Speyer, ist 1960 im britischen Sektor von Berlin geboren und berichtete über das Leben in der geteilten Stadt. Als er nach seinem Studium an der Freien Universität Berlin keine Anstellung als Lehrer bekam, ging er nach dem 1. Staatsexamen 1992 nicht ganz freiwillig an eine Schule nach Darmstadt. Insofern sei er scherzhaft auch ein „Opfer der deutschen Einheit“. Herr Stenzel unternahm 1996 angeregt durch die Unterrichtsreihe „Chancen und Schwierigkeiten der Wiedervereinigung“ eine Studienreise nach Magdeburg. Diese Reise wurde in einem Artikel des „Neuen Deutschlands“ dokumentiert und es gab als Reaktion eine Reihe von Leserbriefen. Ein besonders wohlwollender, aber auch kritischer Brief kam von Hans Christange, der früher in der DDR Staatsanwalt war. Es entwickelte sich ein jahrzehntelanger Briefwechsel zwischen den beiden, welcher in zwei Bänden unter dem Titel „Ost-West-Denkstrukturen“ veröffentlicht wurde. An einigen Beispielen verdeutlichte Herr Stenzel anschaulich wie unterschiedlich Ost- und Westdeutsche auch nach der Wiedervereinigung noch denken. Trotzdem ist die deutsche Einheit in seinen Augen gut gelungen, wenn auch nicht sehr gut.

Es folgte eine lebhafte Diskussion zwischen allen Beteiligten über die Buchinhalte und aktuelle Probleme der Einheit. Abschließend kann man feststellen, dass beide Autoren sich mit ihren Brieffreunden ganz unterschiedlichen Alters über Themen wie Unterdrückung, Freiheit und Aufbruch im geteilten und wiedervereinigten Deutschland auseinandersetzen. Sie vermittelten so auf eine außergewöhnlich persönliche Art, wie verschieden die deutschen Lebenswirklichkeiten waren und auch noch sind. Toleranz und Respekt sollten aber immer Grundlage jeden Handelns sein, so der eindringliche Appell der Autoren! Dem stimmten alle Beteiligten mit lebhaftem Applaus zu!

Guido Palt

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